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Laufen bis zur kompletten Erschöpfung: Warum der last Soul Ultra 2026 keine Held:innen zeigt

  • vor 19 Stunden
  • 7 Min. Lesezeit

Alle 60 Minuten 6,706 Kilometer. Wer die Runde schafft, darf zur nächsten vollen Stunde wieder starten. Wer sie nicht schafft, ist raus. Das geht so lange, bis eine einzige Person übrig bleibt, eine letzte Runde allein läuft und gewinnt. Alle anderen: DNF. Das nennt sich Backyard Ultra, und seit dem 14. August, 14 Uhr läuft es in Bornheim bei Köln: Last Soul Ultra 2026.

Dieser Artikel ist für alle Läufer:innen, die den Last Soul Ultra im Stream verfolgen und dabei ein flaues Gefühl haben – und für alle, die dabei denken, ihr eigenes Laufen sei irgendwie zu wenig. Ich schaue mir an, was beim Last Soul Ultra 2026 tatsächlich passiert, warum mir die medizinische Einordnung fehlt, was der Satz „der Körper entscheidet, wann Schluss ist" wirklich bedeutet, warum wir den Ausstieg DNF nennen, welche Rolle das Heldennarrativ und die Klickökonomie spielen – und was mich 2026 zum ersten Mal an diesem Event fasziniert.


Nele Dörk Mock-up mit Fotos vom Lifestream vom Last Soul Ultra

Bevor ich weiterschreibe, möchte ich diesen Blogbeitrag kurz einordnen. Das ist nämlich wichtig:


Ich laufe seit 2013, ich schreibe seit 2018 darüber. Ich bin Germanistin, ich komme über Sprache an gewisse Dinge heran – das bedeutet zum Beispiel, dass wenn die Abkürzung „DNF" 149 Menschen dem Scheitern zuordnet, ist das für mich kein kleines Detail oder mal "eben so gesagt".

Ich arbeite in der Kommunikation, Marketing & Brand Building, ich sehe also auch das Handwerk dahinter: Livestream, Dramaturgie, Marken, Storytelling. Und ich bin eine Läuferin, die sich explizit gegen die Hustle-Culture stellt. Gegen das Höher, Schneller, Weiter bis zum Getno, das erzählt wird, als wäre es normal.


Worum es mir wirklich geht: nicht darum, dass diese Menschen das lassen sollen. Sie dürfen das, meinetwegen. Mir geht es um die Erzählung und Aufklärung, die Transparenz drumherum.

Wenn Erschöpfung bis zum Zusammenbruch gefeiert wird und niemand erklärt, was sie körperlich bedeutet, entsteht eine Vergleichskultur, in der jemand, der dreimal pro Woche fünf Kilometer läuft, denkt, man mache eigentlich nichts.

Und in der halb Deutschland glaubt, man müsse laufen – und zwar mindestens einen Marathon. Das ist der Schaden, der in meinen Augen dabei entsteht. Nicht die 300 Kilometer von jemandem, der das will.


Zu den Zahlen: bis zu 150 Starter:innen, 100 Euro Startgebühr, kein Publikum außer der eigenen Crew. Während ich das hier tippe, sind 29 Runden gelaufen. Knapp 195 Kilometer. Seit gestern Nachmittag. Und ich sitze hier jetzt doch am Samstagnachmittag und schaue zu, wie zehntausende andere (beim Auftakt 2025 waren es über 40.000 im Livestream). Ich bin fasziniert, ich bin wütend, und ich weiß gerade nicht besonders gut, wohin mit beidem. Also schreibe ich.


Dieser Blogbeitrag ist nicht fertig & betrachtet einen Ausschnitt. Don't forget.



Der Last Soul Ultra ist großes Kino. Und ein Problem.

Was beim Last Soul Ultra fehlt, sind weder die Kilometer noch die etlichen Kameras noch die Kommentare – es fehlt der eine Satz, in dem jemand sagt: Das hier ist eine körperliche Ausnahmesituation, und die ist nicht normal! Es könnte so leicht sein.


Medizinische Betreuung gibt es. Ärzt:innen sind vor Ort, auch die Verpflegung. Nur: Gesprochen wird darüber kaum. Ich sehe Crew-Zelte, ich sehe zig Gels von Brands, die ich nicht kenne, ich sehe Umarmungen. Ich sehe niemanden, der erklärt, was nach dreißig Stunden mit Nieren, Natriumhaushalt und dem Schlafrhythmus passiert.

Eine Studie zum Spartathlon (246 Kilometer am Stück) fand bei 65 Prozent der Finisher eine belastungsassoziierte Hyponatriämie, bei 22 Prozent in schwerer Ausprägung – untersucht wurden dabei nur die, die überhaupt ins Ziel kamen. Der Rest taucht in solchen Zahlen gar nicht erst auf.


Obacht: Ich bin natürlich keine Ärztin. Ich laufe seit 2013 und schreibe seit 2018 über das Laufen, das ist alles. Aber das reicht. Denn ich weiß, wie schnell aus „krass, was mein Körper kann" ein „also müsste ich das doch auch schaffen" wird. Ich weiß nicht, wie es euch geht: Ich ertappe mich aktuell ja selbst beim Mitzählen. Runde 28. Runde 29. Als wäre das ein Spiel. Ist es scheinbar auch für viele. Für mich nicht.


„Der Körper entscheidet, wann Schluss ist" – und der Kopf?

Der Satz, der beim Ausstieg am häufigsten fällt, geht sinngemäß so: Der Körper hat entschieden. Beim ersten Hören finde ich das sogar richtig stark. Endlich mal nicht Kopf über Körper, nicht Disziplin über Schmerz, nicht das ewige Durchbeißen und Heldentum.


Doch je länger ich darüber nachdenke, desto mehr sehe ich etwas anderes in diesem Satz. Denn der Satz bedeutet ja: Es müssen erst körperliche Probleme auftreten, damit jemand aufhört. Nicht Vernunft, nicht Abwägung, nicht der gesunde Menschenverstand entscheidet hier. Wäre der beteiligt, käme es an vielen Stellen gar nicht so weit. Und das ist für mich, am Ende, eine sehr traurige Konklusion.


Und dann gibt es dieses eine Gegenbeispiel: Kim Gottwald, Mitveranstalter und Sieger der Premiere 2025 mit 67 Runden (449 Kilometer), startet dieses Jahr nicht. Ein Knochenödem mit Haarriss am rechten Fuß, die Vorstufe einer Stressfraktur, entstanden nach rund 400 Kilometern im April. Seine Begründung: Das Risiko sei es nicht wert. Er moderiert jetzt stattdessen, bis die letzte Person übrig ist.

Der Mann, der dieses Format hierher geholt hat, trifft die Kopfentscheidung. Auf der Strecke warten sie auf den Körper. Das ist kein Vorwurf an die Läufer:innen. Das ist ein Vorwurf an eine Kultur, in der Aufhören irgendeine Art spürbares Zeichen und somit eine Erlaubnis braucht, die zum Eingeständnis wird. Das Absurde: die Erlaubnis erteilt gefälligst ein Knochen. Okay.

Ich hätte den Kopf immer noch gerne zurück.


Warum nennen wir den Ausstieg eigentlich DNF?

DNF heißt „Did Not Finish" – und beim Backyard Ultra bekommt diesen Stempel per Regelwerk jede Person außer einer. Egal, ob nach zwei Runden oder nach 66. Du kannst 440 Kilometer laufen, drei Nächte wach sein, deine Crew durchweinen lassen, und am Ende steht in der Ergebnisliste: nicht beendet.


Erfunden hat das Gary „Lazarus Lake" Cantrell, 2011, auf seinem Grundstück in Tennessee, benannt nach seinem Hund. Charmante Herkunftsgeschichte, brutale Rechenlogik: Sprache ordnet, und diese Sprache ordnet 168 Menschen dem Scheitern zu, damit eine:r Held:in sein darf.


Apropos Sprache: Der Zähler im Stream nennt die Verbliebenen „Souls". SOULS 34/169. Seelen. Nicht Läufer:innen, nicht Teilnehmende. Seelen, die man verlieren kann. Ich weiß nicht, wie es euch geht – mir sagt dieses eine Wort mehr über das Event als jede Zwischenzeit in diesem backyard. Das ist Hustle Culture: höher, schneller, weiter, bis zum Umfallen, und wer vorher geht, hat es eben nicht beendet. (Beendet hat er es sehr wohl. Nur anders.)


Und hier komme ich vom Zuschauen weg: Ich sehe da keine Held:innen. Ich sehe Menschen, die etwas Außergewöhnliches machen, und über die eine Erzählung gelegt wird, die ihnen gar nicht gehört. Held:in wird man in dieser Logik durch das Übrigbleiben. Nicht durchs Können. Auch nicht durch die Entscheidung, zur richtigen Zeit zu gehen. Wer nach 40 Runden sagt „mein Knie ist hin, ich höre auf", hat in dieser Rechnung verloren – obwohl das die klügste Handlung des ganzen Wochenendes sein kann. Und ja, es gibt dennoch Glückwünsche, die trotzdem oft von einer Enttäuschung der Person selbst oder einem großen ABER überschattet wird. Schade.


Ein Heldennarrativ braucht Schmerz. Am besten sichtbaren, am besten im Stream. (Ratet mal, welcher Content am besten läuft, haha.) Was es nicht braucht, ist die Person, die ausgeruht nach Hause fährt. Deshalb zeigt mir der Last Soul Ultra keine Held:innen. Er zeigt mir, wie Held:innen gemacht werden. Oder scheitern.


Last Soul Ultra: Nur eine Person darf ankommen

Und das ist das, was ich in voller Blüte als Hustle-Culture definiere: höher, schneller, weiter, bis zum Umfallen, und wer vorher geht, hat es eben nicht beendet. (Beendet hat er es sehr wohl. Nur anders. Doch was zählt das schon... )


Dazu kommt das Ganze drumherum. Wildcards über Instagram, Merch-Drops, Marken, Reichweite, Storytelling der Superklasse. Ein Teilnehmer wurde für das Rennen per Privatjet eingeflogen, also so das Narrativ. Ein Lauf, bei dem kein Publikum zugelassen ist, wird zur größten Laufbühne des Landes; und das weil die Bühne der Screen ist. Laufen für Klicks.

Aber hey: Ich bin Teil davon. Ich gucke den Stream, ich schreibe diesen Artikel, ich profitiere von der Aufmerksamkeit für das Thema. Prove me wrong.


Und hier schließt sich der Kreis zu dem, was ich oben geschrieben habe. Diese Erzählung bleibt nicht in Bornheim. Sie sickert nach unten, in jede Strava-Timeline und jede Laufgruppe, bis jemand mit acht guten Wochen Training denkt, das zähle erst ab Marathon.

Der Weg von da zum stillen Übertraining im Hobbybereich ist kurz. Erschreckend kurz.


Was mich 2026 am LSU zum ersten Mal fasziniert

Ich habe euch versprochen, dass es nicht nur bei dem negativen Blickwinkel bleibt. Oder sagen wir: den konstruktiv kritischem Auge. 2026 passiert beim Last Soul Ultra etwas, das ich vorher so nicht gesehen habe: Die Teilnehmenden sind spürbar netter zueinander, und Frauen sind vorne sichtbar. Nach 29 Runden stehen sie ganz oben in der Liste.

Im Chat wurde mehrfach gefragt, wie viele Frauen denn noch dabei seien. Mehrfach. Ist gut, dennoch: als wäre das eine Zahl, die man kaum glauben kann. Dieses freundlich gemeinte Staunen, das sagt: Damit hätte ich nicht gerechnet. Frauen laufen nicht „wie ein Mädchen", sie laufen. Seit Runde eins.


Was ich außerdem gut finde: Die Ausstiege werden offen kommuniziert. Es wird gesagt, warum jemand geht, und meistens sind es körperliche Beschwerden. Das ist mehr Transparenz, als der Laufsport sonst zulässt – und es ist genau der Punkt, an dem die Einordnung noch viel besser ansetzen könnte, wenn jemand sie liefern würde. Aber gut, dafür bin ich ja da.


Fazit: Last Soul Ultra: Ich bin dagegen und gucke trotzdem


Moderation, Livestream, Community, Dramaturgie – großes Kino. Ich arbeite selbst mit Kommunikation. Ich weiß, wie schwer das ist. Die machen das gut. Sehr gut sogar!

Also: was möchte ich euch am Ende mitgeben? Ich bleibe dabei: Das Format tut unserer Laufkultur in meinen Augen AUF DIESE WEISE nicht gut.

Das hat für mich mit Laufen wenig zu tun. Was in Bornheim passiert, ist ein Wettbewerb im Aushalten und Grenzen immer und immer wieder überschreiten. Doch Aushalten ist eine andere Disziplin für mich, als Laufen.


Wie gesagt: Der LSU ist faszinierend. Er soll nicht aufhören. Aber er muss transparenter werden, mehr Kontext bekommen und vielleicht sogar ein MÜ weniger Marketing. Ich wünsche mir den Satz dazu. Einen, der sagt: Das hier ist sowas von extrem, das hier ist begleitet, das hier ist nichts, was du nachmachen musst, um Läufer:in zu sein. Lauf deine 2 Kilometer. Deine fünf. Oder deinen Marathon. Einen einzigen Satz zwischen zwei Runden.

Bis dahin zähle ich weiter mit. Runde 30.


*dieser Artikel deckt alle Informationen ab, die mir bis Samstag, den 15.08.2926, 18 Uhr vorlagen.


1 Kommentar

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Filous
vor 7 Stunden
Mit 4 von 5 Sternen bewertet.

Was mir dabei aber fehlt, und das ist sicherlich echt schwer: das Format ist doch nicht neu, der LSU und Kim machen das halt total medial, von anderen Rennen kriegt man nicht 24/7 was mit, geschweige denn irgendwelche Updates. Und da ist die Sprache vergleichbar, was ich so mitbekommen habe - auf den Körper hören, Grenzen kennen, aber ran usw. Und trotzdem so gefühlsmäßig vernünftiger als das medial aufbereitete ... Aber beurteilen kann man's halt nicht.

Und zu Kim: würde das nicht als Kopfentscheidung bei ihm sagen, er wäre doch nicht bei massiver Grenzüberschreitung seines Körpers im letzten Jahr an dem Punkt wo sogar er auch mal sagt, ja besser nicht.

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