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Last Soul Ultra und die Macht der Communities: Wenn 120.000 Menschen entscheiden, was zählt

  • vor 2 Tagen
  • 7 Min. Lesezeit

120.000 Menschen haben dem Last Soul Ultra gleichzeitig zugesehen. Ich war eine davon – und bin im Chatfenster hängengeblieben. Was ich dort vier Tage lang gelesen habe, war wärmer und gleichzeitig gnadenloser, als ich es je erwartet hätte. Meine Laufgedanken über eine Community, die das Regelwerk ad hoc korrigiert und zwei Minuten später über den Charakter urteilt.



Last Soul Ultra 2026: Warum ich darüber schreibe

Der Last Soul Ultra hat – wider Erwarten – eine Menge mit mir gemacht und in mir ausgelöst. Noch am Freitag dachte ich, ich schaue mir das nicht an. Nur kurz vielleicht, denn ich bekomme sowieso alles über Social Media in meinem Feed mit.


Doch dann dachte ich mir: Moment. Ich finde dieses Format schwierig. (Obacht: Format, NICHT die Menschen. Viele verwechseln das gerne.) Ich schreibe seit mehreren Jahren über Hustle Culture, über den Wandel der Laufkultur und über meine persönlichen Erfahrungen mit dem Laufen. Über körperliche Grenzen, über Mind-vs-Body-Perspektiven und über den Boom der Runclubs – hier und in einem der größten Laufmagazine der Welt, der Runner's World. Ich MUSS und MÖCHTE meine Gedanken zum LSU teilen. Also habe ich am Samstag doch in den Livestream geschaut.


In meinem ersten Blogartikel habe ich darüber geschrieben, dass mir die Einordnung dieser körperlichen Ausnahmeleistungen fehlt – und warum dieses Format keine Held:innen zeigt, es macht welche. Euer Feedback? Holla die Waldfee, gigantomanisch.

Ich betrachte den LSU aus dem Blickwinkel der kollektiven Erschöpfung, der Kommunikation, der Transparenz und der Laufkultur. Das passt nicht jedem, das weiß ich. Das ist völlig fein, solange man konstruktiv bleibt. Das machen die wenigsten. ;)


Wie dem auch sei: Ja, ich empfinde das Narrativ des LSU als schwierig, die Social-Media-Platzierung ebenso und auch die fehlende Transparenz darüber, wie extrem das hier ist und dass SOWAS nicht normal ist. Fakt ist natürlich auch: Es zieht Menschen zum Laufsport, wie und mit welcher Motivation sei mal kurz hinten angestellt. Es schafft Räume, Zugehörigkeiten und bildet eine Community. Und die ist nahbarer, aber auch bodenloser und toxischer, als ich jemals gedacht hätte.


Darum soll es hier gehen: die Community(-Bildung) rund um den LSU. Denn ich habe den Chat beobachtet. Fleißig. Übers Blockieren, Löschen, Tadeln, Loben, Zweifeln, Jubeln und Abwerten.


Also: Dieser Artikel ist für alle, die den Last Soul Ultra im Livestream verfolgt haben und dabei mehr im Chatfenster hingen als im Bild. Ich schaue mir an, was in diesem Chat passiert ist, welche Fragen die Zuschauer:innen gestellt haben und warum keine davon beantwortet wurde, wie aus einer warmen Community binnen Sekunden ein Tribunal wird, wer im Stream sichtbar war und wer nicht – und warum diese Community für mich der beste Teil des ganzen Events war. Spoiler: Die drängendsten medizinischen Fragen des Wochenendes kamen nicht von der Moderation. Sie kamen aus dem Publikum.


LSU 2026: Das ist der Gewinner


Kurz zum Stand der Dinge, falls ihr es nicht verfolgt habt: Der Last Soul Ultra ist vorbei. 169 Menschen sind gestartet, gewonnen hat Mark Dowdle aus den USA mit 94 Runden – rund 630 Kilometer in 94 Stunden. Als Letzter neben ihm im Rennen: Ayyoub „Ello" El Osrouti aus Wuppertal, 93 Runden, 623,7 Kilometer. Beste Frau war Caroline Bolte mit 52 Runden. Bis zu 120.000 Menschen haben gleichzeitig zugeschaut.


Ich selbst laufe seit 2013 und schreibe seit 2018 über das Laufen. Vor ein paar Tagen habe ich hier geschrieben, dass mir beim Last Soul Ultra die Einordnung fehlt – dass niemand sagt, was da körperlich passiert. Ich habe das mitten im Rennen getippt, wütend und fasziniert zugleich. Und dann habe ich angefangen, den Chat mitzulesen.


Vorweg: Die Fragen, die ich vermisst habe, wurden gestellt. Von Fremden, in einem Chatfenster. Nur beantwortet wurden sie trotzdem nicht.



Last Soul Ultra: 120.000 Menschen im Stream und ein Chatfenster


Der Live-Chat war der lebendigste Ort des gesamten Last Soul Ultra – und gleichzeitig ein Teil des Produkts. Er lief im Abonnenten-Modus, ein Bot postete regelmäßig den Link zum Live-Tracking und einen Spendenlink, über dem Video blinkte ein „Produkte ansehen"-Banner. Zugehörigkeit mit Kaufoption.

Und trotzdem. Ich habe selten so viel Wärme in einem YouTube-Chat gesehen. Da schrieben Menschen um halb zwei nachts Sätze wie „Wenn man sich sonst auf nix verlassen kann dann immerhin darauf das dieser stream noch läuft". Da wurde einer, der seit drei Tagen auf den Beinen war, zum „Mentalitätsmonster" erklärt. Da bedankten sich Leute bei der Moderation für die Kommentierung, mitten in der Nacht, ohne jeden Anlass.


Ich weiß nicht, wie es euch geht: Ich habe das eine Weile gebraucht, um zu verstehen, was ich da eigentlich lese. Es sind zehntausende Menschen, die einer Handvoll Fremder beim Erschöpftsein zusehen und dabei ein Wir bilden. Kein Verein, keine Laufgruppe, kein gemeinsamer Startblock. Ein Chatfenster.



Die medizinische Komponente vom Last Soul Ultra – nicht vorhanden


Die medizinischen Fragen des Wochenendes wurden im Chat gestellt. Wörtlich, aus dem laufenden Stream: „hinterlassen so viel schlafentzug und körperliche anstrengung nicht bleibende schäden? kann mir gar nicht vorstellen wie ein körper solche leistungen aushalten soll".


Und: „mich würde mal interessieren, ob es bei solchen Ultras langwierige folgen für den Körper gibt". Und, besonders höflich formuliert: „Wird die Veranstaltung von einem Medizinischen Team betreut? Vielleicht könnt ihr da einen kleinen Einblick geben.."


Das sind exakt die Fragen, die ich in meinem letzten Artikel gestellt habe. Ich saß da und dachte, ich sei die Einzige, die das komisch findet... Und dabei tippten Fremde neben mir dieselben Sätze in dasselbe Fenster.


Das Publikum hat sich die Einordnung selbst besorgt, weil sie von dem Veranstalter oder der Moderation nicht kam. 

Beantwortet wurde keine dieser Fragen. Sie sind im Tempo eines Chats nach oben weggescrollt, drei Sekunden später ging es weiter mit Anfeuerungen.



Einmal war es anders, und das war der beste Moment der ganzen Übertragung. Irgendwann saß Hendrik Bourymit am Mikrofon – jemand, der selbst gestartet und inzwischen ausgestiegen war. Plötzlich klang der Stream komplett anders. Da erklärte niemand mehr von außen, was die Läufer:innen da draußen wohl gerade fühlen. Da saß jemand, der es wenige Stunden zuvor selbst gefühlt hatte, und sagte es einfach.

Genau da war sie kurz, die Einordnung. Sie hat nichts gekostet außer einem zweiten Stuhl am Kommentarplatz. Warum eigentlich nicht öfter? ;)


Und dann war da diese eine Frage: „Warum löscht ihr Fragen zu Do-ping?" Bewusst hier getrennt, weil ich denke, dass dieses Wort auf der Blacklist stand. ich habe desöfteren Fragen dazu gelesen, die in sekundenschnelle wieder verschwanden.


Wichtig ist mir dabei: Das ist kein Vorwurf an irgendeine Person auf dieser Strecke. Niemand hat behauptet, hier werde gedopt, und ich behaupte es auch nicht. Die eigentliche Frage ist eine strukturelle, und die darf man stellen: Wird bei einem Event dieser Größenordnung überhaupt kontrolliert? Dopingkontrollen laufen in Deutschland über die NADA und die Fachverbände. Ein privat organisierter Lauf gehört nicht automatisch dazu, auch wenn ihm 120.000 Menschen zuschauen. Schmerzmittel etc. sind ja, wie wir wissen, beim letzten LSU en masse zum Einsatz gekommen.


„Sieger unserer Herzen" – wenn die Community das Regelwerk korrigiert


Beim Backyard Ultra darf genau eine Person gewinnen, alle anderen laufen als DNF in die Wertung, also hat sich der Chat kurzerhand einen zweiten Sieger erfunden. „Ello ist Sieger unserer Herzen ❤️", schrieb jemand, nachdem Ayyoub El Osrouti in Runde 94 ausgestiegen war. Nach 623,7 Kilometern. Nach fast vier Tagen.


Das finde ich bemerkenswert: Da korrigiert eine Community in Echtzeit ein Regelwerk, das sie zu hart findet. Genau das, was ich am Format im letzten Artikel kritisiere, hat das Publikum von selbst wieder in Ordnung gebracht. (Zumindest sprachlich. Im Ergebnisprotokoll steht trotzdem DNF.) Aber hey, Communities haben Macht.



Ello gratulierte dem Sieger nicht sofort, und der Chat wurde zum Gericht. „Hat er gerade wirklich Mark nicht gratuliert WTF. Schlechter, schlechter Verlierer." „mark nicht gratulieren? von wegen sieger der herzen." „du bist so ein kleiner mensch." Daneben, im selben Fenster, die Verteidigung: „Alter chillt mal, der braucht kurz für sich..wie kann man so sein ey." Und mein Favorit: „Gibt Ello doch kurz Zeit Digga ihr seid so anstrengend."

Ich habe das live gesehen, und ehrlich gesagt: Ich finde es verzeihbar, nach 93 Runden nicht zu gratulieren. Wir reden über einen Menschen, der vier Tage lang jede Stunde losgelaufen ist, der seit Tagen kaum geschlafen hat und dem gerade eben in einem einzigen Moment alles genommen wurde, worauf er hingearbeitet hat. Und wir erwarten in derselben Sekunde vorbildliches Sozialverhalten?

Wir verlangen von erschöpften Körpern Höchstleistung und von erschöpften Menschen gleichzeitig gute Manieren. 

Das ist Hustle Culture bis in die Umgangsformen hinein.


Das Faszinierende ist, dass beide Reaktionen von derselben Community kamen. Dieselben Leute, die aus Mitgefühl einen zweiten Sieger erfunden haben, haben zwei Minuten später über Charakter geurteilt. Unberechenbar.


Last Soul Ultra: Wer im Livestream zu sehen war und wer nicht


Sichtbarkeit ist beim Last Soul Ultra eine redaktionelle Entscheidung gewesen – und der Chat hat das selbst bemerkt. „Die Leistung von Caro fand ich krasser, auch weil man sie gar nicht auf dem Schirm hatte", schrieb jemand am Ende. Gemeint war Caroline Bolte, die als letzte Frau im Rennen 52 Runden gelaufen ist. 348,7 Kilometer. Zwei Nächte.

Ähnlich bei Hubert Karl, 68 Jahre alt, der bei seinem allerersten Backyard Ultra 45 Runden schaffte und damit einen Altersklassen-Weltrekord aufstellte. Beides Geschichten, die es locker mit dem Finale aufnehmen können. Beide liefen weitgehend nebenher.

Bei einem Format, das über Storytelling funktioniert, entscheidet die Kamera mit, wer als bemerkenswert gilt. Wer im Bild ist, wird angefeuert. Wer angefeuert wird, bleibt länger im Gedächtnis. Und Frauen laufen nicht „wie ein Mädchen", sie laufen – nur muss man sie eben zeigen. Dass ausgerechnet die Zuschauer:innen das ansprechen, sagt einiges über die Community und einiges über die Regie.


LSU: Was bleibt nach 4 Tagen Euphorie und Hustle?


Der beste Teil dieses Events war für mich das Chatfenster. Nicht das Rennen, nicht der Sieg nach 630 Kilometern – das Chatfenster. Zehntausende Menschen, die nachts um drei nach Spätfolgen fragen, sich gegenseitig zur Ruhe mahnen und einen zweiten Sieger erfinden, weil ihnen einer zu wenig ist.

Diese Community war menschlicher als das Format, das sie zusammengebracht hat. Und genau deshalb ist sie der beste Beweis dafür, dass die Einordnung fehlt: Die Leute wollen sie. Sie fragen aktiv danach. Sie tippen ihre Fragen in ein Fenster, in dem sie nach acht Sekunden verschwinden.


Ich wünsche mir für das nächste Jahr, dass jemand von der Moderation diese Fragen aufgreift. Zwischen zwei Runden, zwei Minuten lang. Es gibt ja ein Publikum dafür. 120.000 Menschen. Mindestens.

Und hey: Props gehen wirklich raus an die Moderatoren (mag auch nächstes Jahr gerne gendern ;) ), das war schon stark.


2 Kommentare

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Dina
vor 2 Tagen
Mit 5 von 5 Sternen bewertet.

Schön geschrieben. Teile deine Meinung. Englische stream hatte aber eine Moderatorin 👍 Schritt für Schritt…


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Nele Doerk
Nele Doerk
vor 2 Tagen
Antwort an

Danke für den lieben Kommentar und den Hinweis! Ja, Schritt für Schritt.

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