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Warum wir Trailrunning lieben – und was es mit unserem Kopf und Körper macht

  • vor 3 Stunden
  • 7 Min. Lesezeit

Trailrunning boomt – und das nicht erst seit gestern. Ich habe es 2025 vor mich entdeckt und will nie wieder ohne die Berge, so viel Natur und Höhenmeter. Doch woher kommt die plötzliche Faszination? Dieser Text ist gewiss kein Ratgeber und kein Trainingsplan, er ist mein Laufgedanke über die Faszination Trailrunning, sinnvoll ergänzt um ein paar Erkenntnisse aus der Forschung. Er ist für alle gedacht, die den Wald oder die Berge schon so sehr lieben lieben, und für alle, die sich fragen: warum eigentlich?


Nele Dörk beim Trailrunning auf dem Berg
Trailrunning boomt – doch warum eigentlich?

Der Hype um Trailrunning


Rund 1,9 Millionen Menschen laufen in Deutschland inzwischen im Gelände. Trailrunning ist mit rund 11 Prozent noch eine Nische, aber eine, die wächst – und zwar spürbar.

Ich glaube, wir sind alle ein bisschen erschöpft. Dmait meinte ich nicht die Erschöpfung vom Laufem per se. Eher erschöpft vom Optimieren, vom Vergleichen, vom Posten auf den sozialen Medien. Laufen ist längst ein Lifestyle geworden – Run Clubs, shared paces, jede Runde ein Beweismaterial auf Strava, Instagram oder osnstwo. Und irgendwann wird genau das anstrengend. Der Trail ist in meinen Augen irgendwie die Gegenbewegung. Auf einem steilen, technischen Anstieg gibt es keine sofortige Bestzeit zum Hochladen. Es gibt nur den nächsten Schritt. Und der muss sitzen.


Die Sportartikelindustrie hat das natürlich längst gerochen, und ja, ein Teil des Hypes ist gemacht. Doch jetzt kommt das Aber – mein Aber. Die Sehnsucht dahinter ist echt. Beim größten deutschen Event, dem Zugspitz Ultratrail, standen zuletzt rund 4.000 Läufer:innen an einer ausverkauften Startlinie, und von den 17,5 Millionen Deutschen, die regelmäßig laufen, zieht es immer mehr ins Gelände. Kennt ihr das, dieses Bedürfnis, einfach mal dahin zu laufen, wo euch niemand kennt? Oder: wir uns nicht mal selbst kennen? Genau da beginnt die Faszination.


Raus aus der Stadt, rein in die Natur. Berge. Das verbinde ich mit den Trails. Und jeder Berg, jeder Höhenmeter ist eine Überraschung. Laufen ist unvorhersehbar, ich weiß. Doch habe ich das Gefühl, auf den Trails ist es das noch mehr. Fast ... magisch?


Was macht der Trail mit der Psyche?


Der Trail holt uns zurück in die Gegenwart – manchmal ganz zart, oft mit Wums. Anders als auf der glatten, berechenbaren Straße musst du im Gelände auf jede Wurzel, jeden Stein, jede Wendung achten – und dieser ständige Fokus lässt dem Gedankenkarussell keine Chance. Ihr wisst schon, dieses Karussell, das sich beim gleichmäßigen Laufen auf dem Asphalt oft von allein weiterdreht. Ich persönlich merke eine Art von FLow, auf den trails finde ich ihn sogar leichter.. Bei mir zeigt sich das an einer kleinen, verräterischen Sache: Auf der Straße höre ich fast auf jedem Lauf einen Podcast oder Musik. Auf dem Trail schalte ich beides aus. Keine Kopfhörer. Fokus auf meine Umgebung. Weil ich sonst den nächsten Schritt verpasse – naja, oder meinen nächsten Gedanken, den ich dort so viel besser zulassen kann.


Dazu kommt die Natur selbst. "Green Exercise" genannt: Bewegung im Grünen senkt das Stresshormon Cortisol, hebt unsere Stimmung und lässt die überlastete Aufmerksamkeit sich erholen – weil eben genau solche Dinge wie Blätter, Lichtspiele und Wasser den Kopf sanft beschäftigen, ohne ihn zu (über)fordern.

So entsteht eine innere Ruhe, die ich selbst auf einer einsamen Straße nicht in jedem Lauf finde. Wie sehr der Kopf über das Laufen bestimmt, habe ich schon im Blogbeitrag Mindset und bei Laufen und Stress geschrieben. Trailrunning und Gesundheit hängen also enger zusammen, als es die verschwitzenden und atemlosen Anstiege vermuten lassen.

Nele Dörk beim Trailrunning
In den Bergen und auf den Trails kommt uns vieles so nichtig vor

Traillauf: Warum die Berge uns kleiner machen

Ihr kennt das Bild: wir zoomen uns aus der Welt raus, bis ins All und bemerken, wie klein und nichtig wir sind. Das ist nicht mal despektierlich gemeint. Eher: uns geht es doch gut. Unsere Probleme sind nie so groß, wie wir sie wahrnehmen. Zumindest in den meisten Fällen. Neben den Bergen wirkt alles klein. Weil sie selbst so groß sind. Wer schon einmal unter einer Felswand gelaufen ist oder auf einem Grat stand, kennt diesen Moment, in dem die eigenen Sorgen für eine Weile schrumpfen. Und das ist im besten Sinn gemeint. In der Psychologie hat das einen Namen: Ehrfurcht, im Englischen Awe. Die Forscher Dacher Keltner und Jonathan Haidt beschreiben dabei einen Effekt, den sie das „kleine Selbst" nennen – vor etwas Weitem und Gewaltigem wird das eigene Ich leiser, das Grübeln tritt zurück, und sogar die Stresshormone sinken. Mir wird ganz warm ums Herz, während ich diese Zeilen schreibe. Vor meinen Augen sehe ich: Berge.


Und genau das ist es. Es ist eine der stärksten Emotionen, die Trailrunning auslösen kann, und sie lässt sich auf keiner Tartanbahn herstellen. I feel that. Diese Mischung aus Anstrengung und Ehrfurcht bringt mich jedes Mal ein Stück zu mir selbst zurück. Vielleicht ist das der wahre Grund, warum so viele nach ihrem ersten langen Lauf am Berg nicht mehr aufhören wollen. Es ging mir nämlich ganz genau so.


Pace und Vorurteil beim Trailrunning


Auf dem Trail zählt die Pace kaum – und für viele ist genau das die Befreiung. In meinen gedanken lügt meine Laufuhr im Anstieg. Ein Kilometer bergauf hat mit einem Kilometer in der Ebene nun ganz und gar nichts gemeinsam, und plötzlich zählen Höhenmeter, Untergrund, Gefühl. Die Zahl, die man sonst so gerne teilt, verliert auf wudnersame Weise ihre Macht. Und ehrlich: Wen interessiert schon die Pace, wenn man gerade auf einem Kamm steht und die halbe Welt unter dir liegt?


Diese Gelassenheit nehme ich vom Trail mit zurück – in den Alltag und auf die Straße. Wenn bergauf laufen und bergab laufen nach Kraft und Vorsicht verlangen (ja, das muss ich noch üben, haha) und nicht nach Sekunden, lernst du wieder, deinen Körper zu lesen. Ähnlich wie beim Intuitive Running. Und keine Sorge: Wer mit dem Trailrunning für Anfänger startet, muss keine Alpenüberquerung planen. Oft reicht der nächste Waldweg oder ein kleiner Hügel am Stadtrand – wie so ein Einstieg aussieht, habe ich bei meinen ersten Bergläufen beschrieben.

Es geht nicht darum, schneller zu werden. Es geht darum, wieder zu spüren, warum du überhaupt läufst. Und mir hat das ganz arg viel Antworten gegeben.


Communities beim Trailrun: Dein Tempo ohne Stress


Doch es hört beim ICH nicht auf. Denn irgendwo dort draußen ist ja auch ein WIR. Die Trail-Community unterscheidet sich in ihrem Selbstverständnis deutlich von der klassischen Straßenlaufkultur. Wo dort Zeit und Platzierung im Vordergrund stehen, ist die Trailszene stärker von Kooperation als von Konkurrenz geprägt. Zugänglichkeit wird in meinen Augen zumindest auf menschlicher Ebenso groß geschrieben. I feel seen and comfortable.


Aber: Auch der Trail ist kein Paradies ohne Ellenbogen. Auch hier gibt es Hustle. Schaut man an die Spitze, wird aus der Naturidylle schnell ein Milliardengeschäft. Die UTMB-Serie als eines der größten Trailrunning Events, ist zu einem pyramidenartigen Koloss gewachsen, bei dem man Startplätze für die großen Rennen erst über ein eigenes Qualifikationssystem sammeln muss. Es gibt Trail-Supershoes für über 250 Euro, Startgebühren im vierstelligen Bereich und Sponsorenlogos an jedem zweiten Baum. 2024 riefen sogar Stars wie Kilian Jornet zum Boykott solcher Veranstaltungen auf. Manche nennen das inzwischen den „Trail Running Industrial Complex" – und der Name trifft es ganz gut. Aber: Das ist die Spitze, nicht die Basis.


Du musst dafür nicht in einem Run Club sein. Ein einziger gemeinsamer Lauf am Wochenende genügt oft. Zwischen Bäumen und anderen Läufer:innen findest du am Ende beides: dich selbst und die anderen. Trailrunning erfüllt nämlich in meinen Augen zwei Dinge auf einmal, die sich sonst gegenseitig im Weg stehen: die Ruhe des Alleinseins und das Gefühl, zu etwas Größerem zu gehören. Und ich habe mich nie größer gefühlt.


Fazit: Trailrunning ist das Zuhause der Seele


Warum lieben wir Trailrunning also, und was macht es mit uns? Es holt uns in den Moment, wenn der Kopf sonst überall gleichzeitig ist, es schenkt eine Ruhe, die man sich am Schreibtisch nicht herbeiwünschen kann, und es stellt uns vor etwas so Großes, dass das eigene Ich für eine Weile ruhiger wird. Und sich damit paradoxerweise, mehr gesehen fühlt. Genau das nimmt uns der Trail ab. Er bringt die Zahlen zum Schweigen, macht den Kopf leer und das Herz voll und weit, und irgendwo zwischen dem zehnten Anstieg und dem schönsten Ausblick erinnert er uns daran, warum wir überhaupt losgelaufen sind. Laufen macht für mich nicht den Kopf frei. Es ist auch keine Therapie. Und es ist auch niemals, niemals eine Lösung für alles. Doch für diesen einen Moment, auf den Trails, in den Bergen, fühle ich mich groß und klein gleichzeitig. Und das fühlt sich richtig an, ein kleiner Mensch in einer großen Landschaft zu sein.


Der Boom mag eines Tages abflauen, doch das, was der Trail mit uns macht, bleibt. Ich glaube, am Ende geht es beim Trailrunning nicht nur um die Berge, die wir hinauflaufen, es geht auch um die Menschen, die wir dabei werden. Der immense Muskelkater. Die Bilder im Kopf. Der schmale Grat zwischen Hoch(mut) und Tief.


Häufige Fragen zum Trailrunning


Was bedeutet Trailrunning?

Trailrunning bezeichnet das Laufen abseits befestigter Straßen, also auf Wald-, Feld- und Bergwegen mit wechselndem Untergrund und oft vielen Höhenmetern. Im Vordergrund steht weniger die Pace als das Erlebnis in der Natur.


Ist Trailrunning gut für die Gesundheit?

Ja, Trailrunning gilt als besonders gesund für Körper und Kopf. Der weiche, wechselnde Untergrund schont die Gelenke besser als harter Asphalt und fordert gleichzeitig viele Muskeln und deren Koordination, wodurch Trailrunning wie ein Ganzkörper-Workout wirkt. Die ständig wechselnden Bedingungen trainieren das Herz-Kreislauf-System, die Bewegung in der Natur senkt nachweislich Stress und Ängste, und regelmäßiges Laufen im Gelände kann sogar die Schlafqualität verbessern. Auf technischem Terrain steigt allerdings das Risiko umzuknicken, weshalb ein vorsichtiger Einstieg sinnvoll ist.


Welche Ausrüstung braucht man fürs Trailrunning?

Für den Einstieg genügt wenig, mit anspruchsvollerem Gelände wird die Ausrüstung aber wichtiger. Trailschuhe mit grobem Profil geben Halt auf rutschigem Untergrund, und ein Teil der Ausrüstung – etwa längere Kleidung – schützt vor Ästen und Steinen. Grundsätzlich sollte die Ausrüstung an die jeweiligen Streckenanforderungen angepasst werden: Für einen flachen Waldweg reicht deutlich weniger als für einen langen, technischen Berglauf.


Was ist der Unterschied zwischen Trailrunning und Wandern?

Der Hauptunterschied liegt im Tempo. Beim Trailrunning bewegst du dich laufend durchs Gelände, Wandern ist gehend und meist langsamer. Beide finden in der Natur statt, doch Trailrunning ist die sportlich anstrengendere Variante.



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