Zu viel Optimismus beim Laufen – Toxische Positivität beim Laufen und wie sie sich auswirken kann

Über toxische Positivität beim Laufen, welche Konsequenzen sie auf den Körper und die Seele haben kann und wie wir uns schützen können

Toxische Gedanken und Ratschläge
Toxische Positivität beim Laufen – gibt's das überhaupt?


Optimismus und Laufen – Freund oder Feind?


Ich habe mir die Frage gestellt, ob es toxische Positivität auch im Sport geben kann. Genauer gesagt, ob wir ihr auch beim Laufen begegnen. Können wir zu optimistisch sein und es viel zu gut mit uns meinen? Wie beeinflussen uns externe Faktoren und können wir der toxischen Positivität am Ende etwas Gutes abgewinnen? Ich habe viele Fragen. Also los, lasst uns Antworten darauf finden.


Ich schreibe auf RUNNERFEELINGS mittlerweile einige Jahre über die Motivation zum Laufen und gebe mein Bestes, jedem so gut es geht die Liebe zum Laufen zu zeigen. In erster Linie geht es mir hierbei um alle Facetten, die das Laufen mit sich bringt.

Doch wenn wir mal ehrlich sind, werde ich euch wohl kaum mit negativen Sichtweisen für die schönste Sportart der Welt gewinnen können, nicht wahr? Also bleibe ich meistens positiv – dem Laufen zuliebe. Natürlich stehen wir den Dingen, die wir lieben und die uns erfüllen, eher optimistisch als kritisch gegenüber. Freund statt Feind. Doch wie viel Optimismus ist gesund? Wie positiv sollte man über das Laufen sprechen und wann kann es gefährlich werden?



Toxische Positivität – was ist das?


Für zu viel Positivität gibt es einen etablierten Begriff: toxische Positivität. Es beschreibt eine Ansichtsweise, alle Dinge generell sehr positiv zu betrachten und negative Gefühle einfach zu verdrängen. Man könnte es auch als ein zwanghaftes Verhalten, alles positiv zu sehen, beschreiben. Und wie das Adjektiv toxisch schon beschreibt, ist diese Art von Positivismus vor allem eines: nicht gesund!



Toxische Positivität beim Laufen – Motivation und Vergleiche


Als ich meine Lauf-Community auf Instagram gefragt habe, ob es toxische Positivität auch beim Laufen geben kann, waren die Reaktionen ein klares JA – das sehe ich übrigens genau so. Und wenn ich mich durch meinen Instagram-Feed scrolle, dann sehe ich vor allem eines: Leidenschaftliche Läufer:innen, die Bestzeiten hinterherjagen, an Wettkämpfen teilnehmen, hart trainieren und Erfolge feiern. Zugegeben, das motiviert mich – aber nur, wenn ich auch selbst in meine Laufschuhe schlüpfen und loslaufen kann. Ob es sich bei mir dann auch rentiert und ich personal bests erreiche, das steht auf einem anderen Blatt Papier.


Doch an dieser Stelle zeichnet sich schon ein fader Beigeschmack ab: die sozialen Medien zeigen die (un)gefilterte Wahrheit, allerdings sind unsere eigenen Grenzen für andere nicht sichtbar. Das heißt, wir sind der Meinung, dass wir alles schaffen können. WENN WIR NUR DARAN GLAUBEN! DRANBLEIBEN. Ja. Genauso steht es doch überall. HARTES TRAINING ZAHLT SICH AUS.


Nicht nur die eigenen Grenzen bleiben außen vor, auch die Grenzen zwischen “sich motivieren lassen” und “sich vergleichen” verschwimmen immer mehr. Letzteres führt dazu, dass wir uns selbst zu hohe und zu schnelle Ziele setzen, weil uns das Gefühl vermittelt wird, dass sich ein dranbleiben lohnt. Positiv bleiben. Höher, schneller, weiter. Bis zum get no. Doch nicht nur die Medien, Bekannte oder Freunde können uns beeinflussen, auch wir können uns selbst unbewusst zu viele positive Gedanken machen.



Wenn man beim Laufen selbst zu positiv eingestellt ist


Wie könnte man diesen Punkt besser erklären, als mit einem bekannten Beispiel: Ich selbst. Ich möchte an dieser Stelle einmal Daniel vom Sports Insider Magazin zitieren, der es für mich ganz deutlich noch einmal dargestellt hat: Wir laufen auch Hochtouren, die ersten Lauferfolge werden sichtbar, wir bleiben dran. Kleine Verletzungen bremsen uns nicht aus, wir halten durch, motivieren uns selbst und werden immer besser. Doch was wir vergessen: Ruhetage. Regeneration. Alternatives Training. Wir wollen schließlich dranbleiben. Ich wollte dranbleiben. Ich wusste, welche Erfolge ich sehen würde, wenn ich mein Training konsequent durchziehe. HARTES TRAINING ZAHLT SICH AUS. Bis die ersten körperlichen Beschwerden auftreten. Bei mir Überlastungen, Entzündungen, Probleme mit der Achillessehne, Muskelfaser-Anrisse. Ich hatte die Realität aus den Augen verloren, weil der Optimismus und das Positive viel zu angenehm und wundervoll war.


Wie zu Beginn des Blogbeitrags erwähnt, ist toxische Positivität nicht gesund. Das war mein Körper am Ende auch nicht mehr.



So wirkt sich zu viel Positivität beim Laufen auf den Körper und die Seele aus


Physische negative Auswirkungen sind eine Seite von ungesundem Positivismus, allerdings können auch mentale Folgen auftreten.


Ein übermäßig positives Mindset anderer kann für uns selbst gefährlich werden, wenn wir es nicht selbst besitzen. Wir adaptieren die Denkweise ohne zu hinterfragen, nehmen Gesagtes viel zu schnell auf und versuchen es umzusetzen. Selbstüberschätzung und daraus resultierende Frustration sind nur zwei Aspekte, die daraus folgen können. Uns fällt es zunehmend schwerer, uns selbst zu motivieren. Wir halten an den Zielen anderer fest, vergessen jedoch in der ganzen geballten positiven Energie unsere eigenen.



Mental gesund Laufen: Wie können wir uns vor toxischer Positivität schützen?


Das klingt natürlich erst einmal paradox: Warum sollten wir uns vor etwas vermeintlich Positiven schützen wollen? Auf den ersten Blick sind Ratschläge wie “Du musst nur positiv bleiben, dann kommst du ans Ziel” oder “Gib nicht auf und glaube an dich selbst, es gibt viel Schlimmeres im Leben” doch gar nicht so verkehrt. Auf den zweiten Blick bemerken wir jedoch, dass sie uns vor allem eines verbieten: auch mal frustriert und negativ sein zu dürfen. Und das halte ich persönlich für sehr gefährlich. Ein positiv gestimmtes Mindset ist bestimmt von Vorteil, allerdings gibt es die andere Seite auch im Leben – vor allem beim Laufen, wo es ebenso um Selbstoptimierung und Leistung gehen kann.

Demnach sollten wir solche Aussagen immer mit einem gewissen Abstand betrachten und sie nicht als wegweisend und allgemeingültig verstehen. Das Erkennen solcher Aussagen ist der erste Schritt, sich vor toxischer Positivität zu schützen.


Mittlerweile weiß ich an den meisten Tagen, wie sehr ich mich in der Positivität anderer verlieren lassen sollte. Doch an Tagen, an denen es mir mental schlechter geht, ich zweifle oder antriebslos bin, da wirken Worte wie “Glaub’ an dich und dein Training, Geduld zahlt sich aus” wie Salz in der Wunde. Mein Kopf malt sich folgende Antwort aus: “Ja, was bringt mir dieser vermeintlich gut gemeinte Ratschlag? Ich liege verletzt und krank im Bett, von einer positiven Einstellung will ich nichts hören. Alle, die fröhlich durch die Gegend laufen können, die haben leicht reden.” An dieser Stelle hilft mir meistens nur eins: weiter scrollen und ignorieren.


Lies her: Vergleich beim Laufen – Wie ich gelernt habe, mich nicht mit Läufer:innen zu vergleichen


Ich bin der Ansicht, dass wir uns nur dann schützen können, wenn wir beim Laufen beide Seiten kennen: Freude und Leid. So fällt es uns zumindest leichter, sich nicht zu sehr von dem Können anderer beeinflussen zu lassen. Und ich denke, hier liegt der kleine aber feine Unterschied: Der Einfluss anderer fordert im gewissen Sinne immer ein wenig mehr Unabhängigkeit des eigenen Handelns, während die Motivation anderer das eigene Verhalten vielmehr optimiert.

Und Hand aufs Herz: Sich von anderen motivieren zu lassen, klingt doch auch viel besser, als sich beeinflussen zu lassen, nicht wahr?