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Medaillen-Logik im Laufsport: Was ehren wir eigentlich?

Dieser Artikel tut weh – denn er zeigt die Verletzlichkeit, die mit einem "Did not start", auch DNS genannt, einhergeht. Ich habe eine Medaille für einen Lauf erhalten, den ich nicht gelaufen bin. Und nun?

Über die Bedeutung von Medaillen und die Anerkennung, die sie wirklich verdienen – pardon, WIR verdienen.


Die Medaille von Cursa dels Nassos liegt auf dem Tisch
Da liegt sie: Die Medaille, die ich nicht erlaufen habe

Die Medaille als kulturelles Symbol

Die Medaille vom Silvesterlauf in Barcelona liegt auf meinem Tisch. Ungewöhnlicherweise gab es sie bereits bei der Abholung der Startunterlagen, nicht wie sonst nach dem Zieleinlauf. Der Plot-Twist: ich bin nicht gestartet. Der Grund: Mein Körper hat ganz laut NEIN geschrien.


Normalerweise markiert eine Medaille ein Ende: Ziel erreicht, Strecke bewältigt, die Belastung ist überstanden. In meinem Fall markiert sie etwas anderes: Eine Entscheidung, die mir unfassbar schwer gefallen ist. Und damit eine Irritation in einem System, das klare Abläufe liebt: Start, Durchhalten (genießen), Finish.


Diese Irritation lohnt sich. Denn sie legt offen, wie eng unser Verständnis von Leistung im Laufsport gefasst ist – und was darin keinen Platz findet. Oder?


Im Laufsport hat sich die Medaillen-Symbolik stark verschoben. Sie stehen längst nicht mehr primär für einen Sieg oder eine Platzierung. Sie markieren Teilnahme, Durchhalten, Ankommen. Diese Entwicklung wird häufig als inklusiv beschrieben, und das ist sie auch. Und hey, das ist auch erstmal super sinnvoll.


Sie senkt nämlich Zugangsschwellen. Sie erlaubt vielen Menschen, sich als Teil einer sportlichen Gemeinschaft zu erleben, sich zu feiern und eine gemeinsame Vision zu haben.

Gleichzeitig erzeugt sie jedoch ein stilles Ordnungssystem, das mir gerade mehr als bewusst wird. Eines, das festlegt, welche Handlungen als erzählenswert gelten und welche eben nicht. Doch stop – ist meine Handlung, die bewusste Nicht-Teilnahme etwa nicht erzählenswert?


Die Währung im Laufsport ist die Sichtbarkeit von Leistung


Leistung wird an Ereignisse geknüpft, die dokumentiert werden können. Das gilt nicht nur für den Laufsport, sondern für so ziemlich alles im Leben. Im Job ist's die Verantwortung für ein großes Projekt oder aber eine Gehaltserhöhung. In der Schule sind es die Noten. Im Sport sind es Bestzeiten, Zielfotos oder eben auch Medaillen und Urkunden. All das sind sichtbare Beweise. Vor allem auf Social Media.


Was dabei aus dem Blick gerät, sind Entscheidungen, die sich dieser Sichtbarkeit entziehen. Entscheidungen, die vor dem Start liegen und nicht im Ziel ankommen. Entscheidungen wie eben auch meine.

Das bewusste Nicht-Starten gehört dazu. Das Abbrechen eines Laufs gehört dazu. Das Pausieren trotz monatelanger Vorbereitung gehört dazu. Diese Handlungen sind jedoch real und sie sind körperlich begründet.

Sie sind häufig sogar rational. Und sie bleiben weitgehend unsichtbar.



Ich habe auf meinen Körper gehört. Und ich hasse es manchmal, dass ich das tue. Der 31. Dezember 2025 war ein solcher Tag. Natürlich lesen und hören wir überall davon, wie wichtig es ist, körperliche Signale ernst zu nehmen. Ich bin ja selbst eine Person, die das predigt. Doch ganz ehrlich: In der Praxis fehlt diesem Narrativ die gewisse Anerkennung.


Körperliche Selbstwahrnehmung ist kein spontaner Reflex. Sie entsteht über Erfahrung. Über Fehlinterpretationen, Verletzungen, Anpassungen. Sie verlangt Differenzierung: zwischen Trainingsreiz und Überlastung, zwischen normaler Ermüdung und strukturellem Risiko. Ich weiß das mittlerweile sehr gut.

Leider.


Diese Fähigkeit ist zentral für meine langfristige Laufbiografie. Sie entscheidet darüber, ob ich über Jahre oder Jahrzehnte laufen kann. Und doch erzeugt sie kaum soziale Resonanz. Sie produziert keine Zahlen. Sie hinterlässt keine Spuren im Zielbereich. Wie auch?! Wir leben schließlich in einem Laufsystem, das Leistung belohnt. Tja.


Was mache ich denn nun mit meiner Medaille?

Wenn das Symbol der Medaille sich löst


Eine Medaille, die vor dem Start vergeben wird, verschiebt die Bedeutung des Symbols. Sie ist nicht mehr eindeutig an das Ereignis gebunden, vielmehr steht sie für etwas Vorläufiges. Für eine Möglichkeit, die nicht eingelöst wurde.

Diese Verschiebung erzeugt gemischte Gefühle, verständlicherweise. Und je mehr ich darüber nachdenke, desto sinnvoller erscheint mir ein neues Lösungsbild.

Plötzlich stellt sich die Frage, wofür diese Medaille stehen darf.


Für Vorbereitung? Für Teilnahmebereitschaft? Für das Ziel? Für bewusste Entscheidung unter Unsicherheit? Für das Ernstnehmen körperlicher Signale?

I choose the last one. And I won.


Leistung im Laufsport als Entscheidungsfähigkeit


Ich glaube, Leistung kann auch bedeuten, unter unsicheren Bedingungen Entscheidungen zu treffen. Den eigenen Körper ernst zu nehmen, auch wenn das Ergebnis erstmal unsichtbar bleibt. Kurzfristige Erwartungen zugunsten langfristiger Stabilität zurückzustellen.

Dieses Verständnis widerspricht der Medaillen-Logik nicht frontal; ich denke, es erweitert sie. Es verschiebt den Fokus von Ereignissen auf Prozesse; von Symbolen auf Kompetenzen.


Medaillen ehren das, was man leicht zeigen kann. Das Ziel. Doch was ist, wenn dieses Ziel nicht existiert?

Bei mir existierte es nicht. Ich bin traurig und denke, ich verdiene diese Medaille nicht.

Doch mittlerweile und nach diesem Artikel, verdiene ich sie. Klar, die Anerkennung liegt nicht im Zielbereich, allerdings in der Entscheidung, sich ernst und wichtig zu nehmen. Diese Medaille war nie als Applaus für die 10 Kilometer gedacht. Sie zwingt dazu, neu zu überlegen, was Anerkennung im Sport leisten soll. Und welche Entscheidungen eine Bühne bekommen.

Und meine Entscheidung bekommt diese Bühne.





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