Der erste Kilometer: Eine Anatomie des Anfangs beim Laufen
- Nele Doerk
- 6. Dez. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Was passiert eigentlich in den ersten Minuten eines Laufs? Dieser Moment zwischen sogenannter Tür & Angel, zwischen der GPS-Suche und dem langsamen Anlaufen, dem Durchatmen und beginnendem Herzrasen, ist vielleicht der seltsamste von allen. Oder?
Denn schließlich wartet auf uns selten der härteste Kilometer, nicht die steilste Steigung. Vielmehr wartet etwas, das sich der Beschreibung entzieht: der Übergang.

Die ersten Kilometer – wohnt allem Anfang ein Zauber inne? (KI-generiert)
Warum sich die ersten Schritte beim Laufen so schwer anfühlen
“ Warum denn das jetzt? " – Manchmal denke ich, dass mein Körper sich exakt das fragt, bevor ich START auf meiner Laufuhr drücke. Mein Körper war gerade noch im Ruhemodus, hat gesessen, gestanden, sich mit anderen Dingen beschäftigt. Und jetzt soll er plötzlich etwas tun, das einiges an Energie kostet, das volle Aufmerksamkeit verlangt, das ein “Anders-Sein” markiert? Jap, genau so ist es.
Ich weiß nicht, wie es euch geht – doch ich starte selten ohne offene To-Dos in einen Lauf. Hier noch die halb gelesene WhatsApp-Nachricht, dort noch die unbeantwortete E-Mail, und irgendwo die nur halb fertig geputzte Wohnung. All diese offenen Tasks laufen in den ersten Metern mit, als wäre der Kopf noch nicht bereit, den Körper allein zu lassen.
Was im Körper passiert, wenn wir zu laufen beginnen
Der Körper braucht Zeit, um von einem Zustand in den anderen zu wechseln. Das autonome Nervensystem, das unsere unbewussten Funktionen steuert, muss sich neu kalibrieren – ähnlich wie die Laufuhr hin und wieder. Im Ruhezustand dominiert der Parasympathikus: also jener Teil, der für Erholung, Verdauung, Ruhe zuständig ist. Beim Laufen übernimmt der Sympathikus, der Mobilisierer, der den Puls erhöht, die Blutgefäße in den Muskeln weitet, die Atemfrequenz steigert. Dieser Wechsel geschieht nicht wie das Tracking auf Knopfdruck. Er braucht Minuten, manchmal länger. Naja. Meistens länger.
Unsere Muskeln selbst sind anfangs unterversorgt. Der Blutfluss muss sich umleiten, weg von den inneren Organen, hin zu den Beinen, den Armen, der arbeitenden Muskulatur. Die Mitochondrien – die winzigen Kraftwerke in unseren Zellen – laufen noch nicht auf voller Leistung. Sie brauchen Sauerstoff, und der kommt erst mit der Zeit in ausreichender Menge an. Deshalb fühlen sich die ersten Minuten oft anaerob an, selbst bei langsamem Tempo. Der Körper verbrennt zuerst, was schnell verfügbar ist, bevor er in den effizienteren aeroben Modus wechselt. Das ist zumindest die Biologie dahinter.
Innerer Widerstand beim Laufen: Wenn der Kopf noch nicht mitläuft
Aber der erste Kilometer ist ja nicht nur Biologie. Er ist auch Psychologie. Und die hat es in sich.
Manchmal ist in mir dieser Widerstand, der sich nicht immer erklären lässt. Manchmal ist er nervig, manchmal eher unterschwellig. Manchmal verschwindet er nach zweihundert Metern, manchmal bleibt er hartnäckig bis zur Hälfte der Strecke. Oder er bleibt einfach die ganze Zeit. Da sind akute Unlust, einige Zweifel – und schon wieder die Stimme, die fragt, ob das jetzt heute wirklich, wirklich (!) sein muss.
Dann ist dort die Kälte, die in meiner Lunge brennt. Die Hitze, die sich sofort auf meine Haut legt. Der Wind, der mit großer Wucht von vorn kommt, als hätte er es persönlich gemeint. Für mich fühlt es sich dann fast so an, als sollte ich der Stimme recht geben. “Ich hab’s dir ja gesagt!”.
Psychologisch gesehen befindet sich unser Kopf in den ersten Minuten noch in einem Zustand der Ambivalenz. Die Entscheidung zu laufen ist gefallen, aber sie ist noch nicht vollständig akzeptiert. Deswegen ist auch die Motivation nicht die größte Hürde, die wir überwinden müssen. Danach fängt es nämlich erst an.
Folgendes: Unser Gehirn ist smart – es prüft nämlich, ob die Anstrengung sich lohnt, ob die Ressourcen ausreichen, ob Gefahr besteht. Das ist nett gemeint, aber doppelt anstrengend.
Doch wisst ihr was? Evolutionär betrachtet ergibt das absolut Sinn: Vor tausenden von Jahren war die Energie knapp, jede Bewegung gefühlt ein Risiko und der Körper hat gelernt, sehr sparsam mit allen umzugehen. Nunja – dass wir heute freiwillig laufen, ohne Beute vor uns oder Gefahr hinter uns, ist eine relativ neue Entwicklung. Der ältere Teil des Gehirns hat das noch nicht ganz verstanden… Wohl doch nicht so smart.
Die ersten zehn Minuten: Wie unser Körper seinen Rhythmus findet
In den ersten zehn Minuten verhandelt unser Körper, als säße er auf der Anklagebank – gut, manchmal sind wir daran nicht ganz unschuldig. Meiner Ansicht nach, darf er das ruhig ein wenig lockerer sehen. Manchmal haben wir Glück und er findet schnell sein Tempo. Doch starten wir zu schnell, dann blockiert sofort unser Atem. Unser Körper ist unzufrieden. Gleichzeitig verhandeln unsere Beine mit dem Untergrund. Der harte Asphalt fühlt sich anders an als ein weicher Waldweg, und der Körper braucht ein paar Anläufe, um sich anzupassen. Die Gedanken verhandeln mit der Aufmerksamkeit. Am Anfang sind sie noch überall: bei der WhatsApp-Nachricht, bei den E-Mails, bei den To-dos. Erst langsam, Meter für Meter, ziehen sie sich zurück und überlassen dem Körper das Feld. Unschuldig im Sinne der Anklage.
Manchmal beobachte ich, wie sich mein Fokus in diesen Minuten verschiebt. Ich höre oft Podcasts, auf die ich mich nicht immer sofort einlassen kann. Noch ist zu viel Chaos, im Innen und im Außen. Nach einer Weile beginne ich zuzuhören. Im Inneren UND im Außen.
Der erste Kilometer fühlt sich jedes Mal anders an. Es gibt kein Rezept, keine Garantie, kein "So muss es sein". All das hat mit Schlaf zu tun, mit Ernährung, mit Stress, mit dem Wetter, mit tausend kleinen Faktoren, die sich nicht kontrollieren lassen.
Der Moment, in dem das Laufen beginnt
Ein schwerer Start bedeutet nicht automatisch einen schweren Lauf. Ein leichter Start ist jedoch ebenso wenig keine Garantie für eine gute Runde. Der Anfang ist nur das: ein Anfang. Nicht mehr.
Im Laufen gibt es immer diesen Moment, wo sich etwas ändert. Für mich liegt dieser Punkt meistens irgendwo zwischen Minute sechs und Minute zehn.
Ich habe den ersten Kilometer immer als Entscheider gesehen: er entscheidet, WIE mein Lauf wird. Heute weiß ich, dass der erste Kilometer nicht etwas ist, das überwunden werden muss. Und darin liegt eine kleine Wahrheit, die über das Laufen hinausgeht: Dass Anfänge nie leicht sind.
Der erste Kilometer endet nicht. Er geht über in den zweiten. Und irgendwann, ohne dass man es bemerkt, läuft man einfach.









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