Inklusive Sprache beim Laufen – Warum Läufer und Läuferinnen ihre Worte überdenken sollten
- vor 13 Stunden
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Personal Best, Did not finish, Zone 2 Training, Social Pace, Community Runs ... die Liste ist lang. Die Laufsprache im deutschsprachigen Raum ist durchzogen von Mustern, die unbewusst ausschließen: von Bedeutungsverschiebungen über Anglizismen als Statussymbole bis hin zu Fachsprache als Gatekeeping. Ich bin selbst Läuferin und in diesem Artikel schaue ich aus linguistischer Perspektive ganz genau hin, wie Sprache in der Lauf-Community Zugehörigkeit reguliert und welche konkreten Alternativen zu einer inklusiveren Laufkultur beitragen können. Das ist kein Fingerzeigen auf etwas oder jemanden. Es soll das Bewusstsein schärfen und uns alle, inklusive mir, dazu motivieren, Worte bewusster zu wählen.
Kurzer Hinweis: Wenn ich hier von Lauf-Communities spreche, so meine ich nicht nur die, die physisch einen Runclub betreiben. ich rede auc h von Communities auf Social Media, nicht öffentlichen Laufgruppen, sondern wirklich von der ganzen Laufbubble.

Was bedeutet inklusive Sprache beim Laufen?
Inklusive Sprache beim Laufen bedeutet, bewusst darauf zu achten, welche Bilder, Wertungen und Hierarchien unsere Worte transportieren und wer sich dadurch eingeladen oder ausgeschlossen fühlt. Und hier geht es nicht "nur" um gendergerechte Formulierungen.
Die Sprache vieler Lauf-Communities transportiert Werte, Normen und ungeschriebene Regeln. Sie entscheidet mit darüber, wer sich als „richtige:r Läufer:in" fühlen darf, welche Körper als lauftauglich gelten und welche Leistung als „genug" anerkannt wird.
Inklusive Laufsprache hinterfragt nun genau diese Mechanismen, sodass wir mehr Bewusstsein über Worte erlangen.
Viele Laufgruppen oder -gemeinschaften dort draußen beschreiben sich selbst gerne als offen und inklusiv. „Laufen ist für alle" oder "all Levels welcome" sind einer der meistverwendeten Sätze im Laufsport. Aber: Zwischen dem Selbstbild und der sprachlichen Realität klafft eine erhebliche Lücke.
Warum ist Sprache in der Lauf-Community so wichtig?
Sprache formt Zugehörigkeit.
In jeder Community entwickelt sich über die Zeit ein eigenes Vokabular, zum Beispiel ein Soziolekt, der markiert, wer dazugehört und wer nicht.
Wer die gängigen Begriffe kennt und korrekt verwendet – Pace, Splits, Schwellentraining, VO2max – signalisiert damit eine Zugehörigkeit zur Gruppe. Wer aber zum Beispiel „Tempo" sagt statt „Pace" oder von „Zwischenzeiten" spricht statt von „Splits", markiert sich oft als sprachlich als Außenseiter:in oder wird missverstanden. Dieses Phänomen ist in der Linguistik gut dokumentiert: Fachsprache und Gruppensprache regulieren den Zugang zu sozialen Gruppen, und das oft wirkungsvoller als formale Hürden. Ich ertappe mich ja selbst dabei, wie ich vermeintliches Fachjargon verwende, um zu zeigen: Hey, ich weiß, wovon ich rede. (Weiß ich das wirklich?!)
Für die Laufkultur hat das natürlich Konsequenzen. Anfänger:innen, die den Jargon nicht beherrschen, fühlen sich in Laufgruppen oder Online-Communities schnell deplatziert. Langsamere Läufer:innen internalisieren die Leistungsnorm, die in der Sprache mitschwingt. Und Menschen, deren Körper oder Lebenssituation nicht dem vorherrschenden Bild entsprechen – etwa nicht-stereotypische Körperformen, chronisch Kranke oder Menschen mit Behinderung – finden in der gängigen Laufsprache kaum Repräsentation. Dabei ist Laufen doch für alle da, oder etwa nicht?
Schauen wir uns ein Beispiel an.
Joggen vs. Laufen: Wie aus einer Bezeichnung für die Pace eine Wertung wurde
Die Unterscheidung zwischen Joggen und Laufen ist eines der deutlichsten Beispiele für den Bedeutungswandel durch soziale Konnotation in der Laufsprache.
Das Wort „Joggen" stammt vom englischen „to jog", das bedeutet einfach trotten, sich gemächlich fortbewegen. Sportwissenschaftlich beschreibt es an dieser Stelle eine moderate Laufbewegung, die geschätzt ab einer Pace von 6:00 bis 6:30 min/km beginnt. Der Begriff ist in seinem Ursprung eine neutrale Tempobezeichnung, nicht mehr und nicht weniger.
In der Laufkultur hat sich jedoch eine klare Hierarchie herausgebildet: „Laufen" wird mit Ambition, Ernsthaftigkeit und Leistung assoziiert. „Joggen" hingegen mit Freizeitbeschäftigung, mangelndem Ehrgeiz und, zumindest implizit, geringerem Wert. Der Satz „Du joggst ja nur" oder vermeintlich gelinde ausgedrückt "Du läufst ja in einer 7:00er Pace" funktioniert als soziale Abwertung, obwohl er ja technisch lediglich ein Tempo beschreibt.
Das Paradoxe daran: Sportwissenschaftlich betrachtet joggt die Mehrheit aller Freizeitläufer:innen. Auch viele, die sich selbst als „Läufer:innen" bezeichnen und den Begriff „Joggen" für sich ablehnen würden, bewegen sich bei ihren lockeren Dauerläufen im Joggen-Bereich. Die Abgrenzung ist also keine faktische, sondern eine emotionale und soziale. Ja gut, dann jogge ich halt. Und jetzt?
Hier handelt es sich also um einen klassischen Bedeutungswandel: Das Wort selbst hat sich nicht verändert. Aber die Konnotation und die mitschwingende Bewertung wurden von der Laufkultur über Jahre aufgeladen. Nicht die Sprache wertet hier. Wir werten durch die Sprache.
Welche Anglizismen in der Laufsprache funktionieren als Statussymbole?
Anglizismen – unser aller Liebling. Und ja, auch ich verwende sie.
Pace statt Tempo. Trail statt Gelände. Social Run statt gemeinsamer Lauf. Splits statt Zwischenzeiten. Recovery Run statt lockerer Lauf. Cool-down statt Auslaufen. Negative Splits statt abfallende Zwischenzeiten.
Ganz ehrlich: Das klingt alles auch smarter und lockerer, als die deutsche Variante. Warum nutzen wir nicht das deutsche Äquivalent?
Der Grund dafür liegt, wie ich oben schon angedeutet habe, in der sozialen Funktion. Anglizismen in der Laufsprache wirken professioneller, kompetenter und „ernster". Wer sie verwendet, signalisiert: Ich gehöre zur Szene. Ich kenne mich aus. Ich bin kein:e Gelegenheitsläufer:in.
Linguistisch handelt es sich um einen Soziolekt, also eine Form der Gruppensprache, die soziale Zugehörigkeit markiert. Soziolekte finden sich in nahezu allen Subkulturen und Fachgemeinschaften: von der Medizin über die Tech-Branche bis hin zum Skateboarding. In der Lauf-Community ist dieses Phänomen besonders ausgeprägt, weil der Sport sich als niedrigschwellig und offen versteht. Paradox, weil eben diese Sprache gleichzeitig Eintrittsbarrieren schafft.
Das Problem ist nicht, dass englische Begriffe verwendet werden. Das kann man durchaus tun. Das Problem entsteht, wenn die Beherrschung dieses Vokabulars zur unausgesprochenen Voraussetzung für Zugehörigkeit wird. Und Hand aufs Herz: wie oft erklären wir die Begriffe? Oder sagen sowas wie: "In welcher Pace, also Tempo, bist du meistens unterwegs?". Selten. Sehr selten.
Gatekeeping durch Fachsprache im Laufsport: Was macht das mit Läufern und Läufer:innen?
Fachbegriffe wie Schwellentraining, VO2max, GA1/GA2, Laktat oder anaerobe Schwelle sind valide trainingswissenschaftliche Konzepte. Ich kenne sie ja selbst. Sie werden jedoch heutzutage oft verwendet, ohne erklärt oder eingeordnet zu werden.
(Hier gehen Props an Paula Thomsen, aka laufvernarrt raus, die das ganz wunderbar in ihren Service-Postings erklärt).
Wer in einer Laufgruppe oder auf Social Media fragt, was „Zone 2 Training" bedeutet, riskiert vielleicht, als unwissend wahrgenommen zu werden. Witzigerweise fallen die Antworten immer sehr verständlich aus, mit einem kleinen ironischen Unterton. Wer bei einem Gruppentraining nicht weiß, was mit „GA1" gemeint ist, kann dem Gespräch nicht folgen. Fachsprache, die ohne Kontext verwendet wird, erzeugt eine Zwei-Klassen-Struktur: Expert:innen und Laien. Aka: Richtige Läufer:innen vs nicht richtig.
In der Linguistik ist dieses Phänomen als Fachsprachenbarriere bekannt. Fachsprache dient primär der Präzision innerhalb einer Expertengruppe. Sie wird jedoch dann problematisch, wenn sie in die Alltagskommunikation einer Community übergeht und dort als selbstverständlich vorausgesetzt wird.
Für eine Community, die sich als inklusiv versteht, bedeutet das: Fachbegriffe zu verwenden ist kein Problem. Sie nicht zu erklären, schon.
Wissen zu teilen ist inklusiv. Wissen vorauszusetzen ist Gatekeeping.
Was verraten Euphemismen in der Laufsprache über versteckte Wertungen?
Jetzt kommt mein liebster Part! Mehrere uns bekannte Begriffe in der Laufsprache klingen auf den ersten Blick positiv oder sogar neutral. Allerdings transportieren sie bei genauerer Betrachtung versteckte Wertungen und schließen somit Menschen aus.
Social Pace
Ihr wisst, was jetzt kommt. ;) „Social Pace" beschreibt per se ein Tempo, bei dem man sich in einer Gruppe beim Laufen gut unterhalten kann. Also, bei mir wäre es eine 7:30er Pace, ohne Schnappatmung.
Der Begriff suggeriert Gemeinschaft und Leichtigkeit. In der Praxis variiert die „Social Pace" einer Laufgruppe jedoch erheblich, was ja ganz logisch ist. Wenn ein Social Run bei einer Pace von 5:30 min/km ausgeschrieben wird, ist das für viele Läufer:innen alles andere als „social". Es ist schlichtweg zu schnell. Der Begriff verschleiert die Leistungsanforderung hinter einem Gemeinschaftsversprechen.
Recovery Run
Der „Recovery Run", oder auch der Erholungslauf, rahmt selbst langsames, lockeres Laufen als Trainingseinheit mit definiertem Zweck. Langsam laufen darf nicht einfach langsam laufen sein; es muss einen trainingswissenschaftlichen Sinn haben, um als legitim zu gelten. Diese Wortwahl entwertet zweckfreie Bewegung und verankert die Vorstellung, dass jeder Kilometer einem Plan dienen muss. Ich rede selbst gerne von einem Recovery Run und frage mich mittlerweile, wieso eigentlich ...
LSD (Long Slow Distance)
Beim LSD-Training – langen, langsamen Läufen – wird „slow" als strategische, trainingsmethodisch sinnvolle Entscheidung betitelt. Dieselbe Langsamkeit, die bei erfahrenen Läufer:innen als klug und kontrolliert gilt, wird bei Anfänger:innen als Defizit wahrgenommen. Ein und dasselbe Wort, nämlich „langsam", erfährt zwei grundlegend verschiedene Bewertungen; und zwar abhängig davon, wer es am Ende verkörpert.
„All Levels" und ähnliche Formulierungen
Laufclubs mit dem Hinweis „all levels welcome" oder „für alle Niveaus geeignet" sind ja immer gut gemeint, aber sehr sehr unpräzise. Sie verschleiern, welche konkreten Anforderungen tatsächlich gestellt werden. Transparenter und inklusiver wäre es, konkrete Angaben zu machen: „Wir laufen zwischen 6:30 und 6:45 Pace" oder „Dieser Lauf ist für Menschen geeignet, die 30 Minuten am Stück laufen können" oder "Wir haben drei Pace-Gruppen, 4:50, 5:30 und 6:10", mir fallen sehr viele Alternativen ein ...
Warum fehlen in der Laufsprache Worte für Bewegung ohne Zweck und Ziel?
Die Laufsprache im Deutschen und Englischen ist häufig auf Leistung und Training ausgerichtet.
Wir sprechen von Laufeinheiten, Intervalltraining, Trainingsplänen und einer Wettkampfvorbereitung. Ich laufe mittlerweile, weil ich kann und darf; weil ich RUNNERFEELINGS genießen mag. Das sollte hier jedoch keine Überraschung sein. ;)
Jeder dieser Begriffe ordnet das Laufen in ein System aus Zielen, Plänen und Optimierung ein. Selbst ein entspannter Lauf wird sprachlich zur „Einheit", am Ende ist es ein Wort, das Struktur, Absicht und Zweck impliziert.
Es gibt kaum etablierte Begriffe für das Laufen als zweckfreie Tätigkeit. Für das Laufen um des Laufens willen. Für den Lauf, der keinem Plan folgt, keine Pace-Vorgabe hat und kein Trainingsziel verfolgt.
Sprache bildet hier nicht nur die Realität ab, sie formt sie maßgeblich vor unseren Augen mit. Wenn eine Community für ein bestimmtes Konzept keine Worte hat, existiert dieses Konzept in ihrem kollektiven Bewusstsein nur am Rand. Das Fehlen eines Begriffs für zweckfreies Laufen zeigt, wie tief die Leistungsorientierung in der Laufkultur verankert ist – tiefer als in einzelnen Begriffen, nämlich in der Struktur der Sprache selbst. Und ja, selbst der Coffee Run ist gelabelt: Wir laufen, am Ende gibt's dafür einen Kaffee. Oder deswegen. Oder gerade deshalb.
Welche Rolle spielt toxische Motivation in der Laufsprache?
Motivationssprüche wie „No excuses", „No pain, no gain", „come back stronger" oder „Pain is weakness leaving the body" sind in der Lauf-Community allgegenwärtig. Wir finden sie auf T-Shirts, in Social-Media-Posts, an Laufstrecken und in Laufgruppen-Chats.
Für viele Läufer:innen wirken diese Sätze motivierend. Für zuvor genannte Menschen mit chronischen Erkrankungen, Behinderungen, psychischen Belastungen oder Schmerzzuständen transportieren sie jedoch eine problematische Botschaft: Deine Grenzen zählen nicht. Dein Körper sollte kein Hindernis sein. Wenn du aufhörst, hast du versagt. Mind over body? Starker Fail.
Diese Form der Motivation normalisiert das Ignorieren körperlicher Signale und pathologisiert das Setzen von Grenzen. Sie schließt all jene aus, deren Körper nicht dem Ideal des belastbaren, schmerzresistenten Sportlerkörpers entspricht. Ich bin da eine absolute Gegenerin, was dieses Narrativ anbelangt. Es entscheidet NIE der Kopf über den Körper; sie gehören zusammen. Immer.
Inklusive Motivation erkennt an, dass Körper unterschiedlich sind und unterschiedlich funktionieren. Dass Pausen kein Versagen sind und dass ein weniger in manchen Situationen die durchaus bessere Entscheidung ist.
Lies hier: Zu viel Optimismus beim Laufen – Toxische Positivität beim Laufen und wie sie sich auswirken kann
Wie können Läufer:innen und Lauf-Communities inklusiver kommunizieren?
Die gute Nachricht: Wir können das gemeinsam alles besser machen. Inklusive Laufsprache erfordert keine perfekten Formulierungen, sondern ein Bewusstsein für die Wahrnehmung von Worten und was sie in einem Menschen auslösen. Die folgenden Ansätze können uns allen helfen, die Kommunikation in der Lauf-Community zugänglicher zu gestalten.
Wertende Begriffe durch neutrale ersetzen
Statt ... | Besser ... |
„langsam" | „Wohlfühltempo", „komfortables Tempo" |
„nur gejoggt" | „Ich war laufen" |
„Jogger:in" (abwertend) | „Läufer:in" für alle, die laufen |
„Jede:r kann laufen" | „Bewegung hat viele Formen" |
„No excuses" | „Hör auf deinen Körper" |
Fachbegriffe erklären statt voraussetzen
Wer in Laufgruppen, Blogposts oder Social-Media-Beiträgen Fachbegriffe verwendet, kann sie in einem Nebensatz einordnen. „Wir machen heute Schwellentraining. Das heißt, wir laufen an der Grenze, ab der der Körper mehr Laktat produziert als er abbauen kann, also knapp unterhalb der Belastungsgrenze." Das kostet einen Satz und macht den Unterschied zwischen Inklusion und Exklusion.
Transparente statt vage Kommunikation verwenden
Begriffe wie „Social Pace" oder „all levels" sind mehrdeutig und verschleiern die tatsächlichen Anforderungen. Inklusiver ist es, konkret zu benennen, was gemeint ist: Pace-Bereiche, erwartete Distanzen, notwendige Vorerfahrung. Eindeutige Sprache ist inklusive Sprache.
Leistung als eine von vielen Motivationen behandeln
Nicht jeder Lauf braucht einen Plan, eine Pace oder ein Ziel. Die Laufkultur profitiert davon, wenn Bewegung auch ohne Leistungsbezug als vollwertig anerkannt wird, sprachlich und kulturell.
Was sagt die Linguistik über Sprachwandel in Subkulturen?
Die von mir beschriebenen Phänomene, darunter der Bedeutungswandel, Soziolektbildung, Fachsprachenbarrieren und lexikalische Lücken, sind in der Sprachwissenschaft gut dokumentierte Prozesse, die in nahezu jeder sozialen Gruppe auftreten. Nicht nur beim Laufen! Nur ist das natürlich mein Spezialgebiet. ;)
Sprache ist nie statisch. Sie verändert sich mit den Werten und Praktiken einer Gemeinschaft. Was heute als neutrale Beschreibung gilt, kann morgen eine Wertung transportieren – und vice versa. Der Bedeutungswandel von „Joggen" ist dafür ein anschauliches Beispiel.
Aber hey: Wenn Sprache sich wandeln kann, kann sie sich auch bewusst wandeln. Communities, die ihre sprachlichen Muster reflektieren, können aktiv dazu beitragen, inklusivere Begriffe zu etablieren und ausgrenzende Konnotationen aufzulösen. Sprachwandel passiert eben nicht nur, er lässt sich auch gestalten.
Fazit: Sprache formt Laufkultur
Bei der inklusiven Sprache beim Laufen geht es nicht um ein schönes Äußeres und es ist in meinen Augen auch keine Frage der politischen Korrektheit. Es ist eine Frage der Zugänglichkeit, der Zugehörigkeit. Die Art, wie eine Community spricht, entscheidet mit darüber, wer sich willkommen fühlt und wer nicht.
Die Laufsprache im deutschsprachigen Raum ist historisch gewachsen, stark von Leistungsdenken geprägt und durchzogen von Mustern, die unbewusst so vieles sortieren: in erfahren und unerfahren, schnell und langsam, zugehörig und fremd. Diese Muster sichtbar zu machen, ist der erste Schritt. Sie zu verändern, ist eine Aufgabe, die die gesamte Community betrifft. Und mein Text hierzu kann helfen. Zumindest wünsche ich mir das.
Es geht nicht darum, nie wieder ein falsches Wort zu sagen. Es geht darum, zuzuhören, was am Ende so unbewusst mitschwingt. Und bereit zu sein, es anders zu machen. Vielleicht sogar besser.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Was ist inklusive Sprache beim Laufen?
Inklusive Sprache beim Laufen bedeutet, bewusst darauf zu achten, dass Worte, Begriffe und Formulierungen in der Lauf-Community niemanden aufgrund von Leistungsniveau, Körperform, Gesundheitszustand oder Erfahrung ausgrenzen. Sie umfasst weit mehr als gendergerechte Sprache.
Was ist der Unterschied zwischen Joggen und Laufen?
Sportwissenschaftlich beschreibt „Joggen" eine moderate Laufbewegung ab circa 6:00 bis 6:30 min/km Pace. „Laufen" bezeichnet ein schnelleres Tempo. In der Laufkultur hat sich daraus jedoch eine soziale Wertung entwickelt: „Laufen" gilt als ambitioniert, „Joggen" als weniger ernstzunehmend.
Warum werden so viele englische Begriffe in der Laufsprache verwendet?
Anglizismen wie Pace, Splits oder Recovery Run fungieren in der Lauf-Community als Soziolekt – Gruppensprache, die Zugehörigkeit signalisiert. Die englischen Begriffe klingen professioneller und markieren die Sprechenden als Kenner:innen der Szene.
Was ist Gatekeeping in der Lauf-Community?
Gatekeeping in der Lauf-Community entsteht, wenn Fachbegriffe, Leistungsnormen oder implizite Regeln den Zugang zur Gemeinschaft erschweren. Dazu gehören Pace-Shaming, die Voraussetzung von Fachwissen und die abwertende Unterscheidung zwischen „Jogger:innen" und „Läufer:innen".
Was ist Social Pace?
Social Pace bezeichnet ein Lauftempo, bei dem sich alle Beteiligten bequem unterhalten können. In der Praxis variiert dieses Tempo jedoch stark, weshalb eine konkrete Pace-Angabe inklusiver ist als die pauschale Bezeichnung „Social Pace".
Wie kann ich in meiner Laufgruppe inklusiver kommunizieren?
Konkrete Maßnahmen: Fachbegriffe erklären statt voraussetzen, Pace-Bereiche statt vager Begriffe wie „Social Pace" kommunizieren, Leistung nicht als einzige Motivation voraussetzen und Formulierungen vermeiden, die bestimmte Körper oder Leistungsniveaus abwerten.
Was bedeutet Pace-Shaming?
Pace-Shaming bezeichnet die direkte oder indirekte Abwertung von Läufer:innen aufgrund ihres Lauftempos. Es äußert sich in Kommentaren wie „nur gejoggt", in der Frage nach der Pace als erstem Gesprächseinstieg oder in der Gleichsetzung von Schnelligkeit mit dem Status als „echte:r Läufer:in".
Ist die Aussage „Jede:r kann laufen" ableistisch?
Die Aussage „Jede:r kann laufen" kann ableistisch wirken, da sie die Realität von Menschen mit Behinderungen, chronischen Erkrankungen oder körperlichen Einschränkungen ignoriert. Eine inklusivere Formulierung wäre: „Bewegung hat viele Formen" oder „Laufen kann vieles sein".





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