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Macht Laufen einsam? Was uns das Laufen über Einsamkeit verrät

Einige suchen sie bewusst beim Laufen, andere wollen sie loswerden oder einfach verdrängen: Die Einsamkeit.

Doch wie kann dieselbe Tätigkeit, die uns Freiheit und Euphorie beschert, gleichzeitig ein Gefühl der Isolation hervorrufen? Macht Laufen einsam? Eine philosophische Betrachtung.

Nele sitzt auf einer Mauer, nach dem Laufen
Macht Laufen einsam?

Ich liebe es, alleine laufen zu gehen, dabei einen Podcast zu hören und den Fokus voll und ganz auf mich legen zu dürfen. Ohne Rücksichtnahme auf Verluste, weil das Tempo des Laufpartners/der Laufpartnerin ein anderes ist.

Würde mich jemand fragen, ob das Laufen einsam macht, wäre meine intuitive Antwort: "Nein! Laufen ist doch ein Gruppensport und wer will, der findet sofort Gleichgesinnte. Niemand läuft alleine." – und ich ertappe mich selbst, wie paradox diese Antwort erscheint, denn sie passt so gar nicht zu dem, was ich vorher gesagt habe: Ich liebe es, alleine zu laufen. Nein, beim Laufen alleine zu sein. Sehr sogar.


Nun gibt es jedoch nicht nur einen großen Unterschied zwischen "Alleine Sein" und "Einsam sein", sondern auch zwischen der physischen und psychischen Einsamkeit, schließlich kann man sich auch in einer Laufgruppe einsam fühlen. Deshalb: Fangen wir doch ganz von vorne an.


Was bedeutet Einsamkeit?

Einsamkeit ist ein Zustand emotionaler und manchmal auch sozialer Isolation. Wir fühlen uns einsam, wenn wir keine befriedigenden Beziehungen oder sozialen Kontakte haben. Einsamkeit muss nicht immer durch physisches Alleinsein gekennzeichnet sein; man kann sich auch inmitten einer Gruppe einsam fühlen, wenn man sich nicht verbunden oder verstanden fühlt. Selbst unter 100 Freund:innen kann man sich einsam fühlen. Ich bin mir sicher, dass sich jede:r von uns schon mal ähnlich gefühlt hat.



Die Einsamkeit der Langstreckenläufer:innen

Wer lange läuft, ist lange einsam. Vielleicht habt ihr schon mal von der Einsamkeit der Langstreckenläufer:innen gehört, eine typische Floskel im Lauf-Universum.

Auf langen, einsamen Läufen begegnen wir uns selbst in einer ganz reinen Form. Entfernt von den sozialen Interaktionen, die wir im täglichen Miteinander haben, können wir bei langen Läufen unsere tiefsten Ängste und höchsten Hoffnungen reflektieren – wenn wir wollen. Einsamkeit beim Laufen ist also nicht bloß das physische Alleinsein.

Es kann vielmehr ein Zustand sein, in dem wir mit unseren innersten Gedanken konfrontiert werden. Und das kann durchaus befreiend wirken, als auch sehr beängstigend sein.


Ist das jetzt etwas Positives? Es kommt drauf an.


Laufen und Einsamkeit: Die Positive und negative soziale Isolation


Positiv gesehen kann das Laufen als eine Form der Meditation betrachtet werden, bei der man sich auf das eigene Selbst konzentrieren und innere Ruhe und Freiheit finden kann. Die Folge: Diese Art der Einsamkeit kann unser Wohlbefinden fördern – in diesem Kontext kann das "Einsam sein" also auch eine Gelegenheit zur Selbstentdeckung und persönlichen Entwicklung darstellen.

Doch was machen wir, wenn die Angst größer ist als die Freiheit, die wir beim alleine Laufen spüren?

Angst macht einsam.

Auf der anderen Seite kann das Alleinsein beim Laufen auch als bedrohlich empfunden werden, insbesondere wenn es mit Angst verbunden ist – und Angst macht einsam. Sei es die Furcht vor körperlichen Beschwerden, die Angst vor der eigenen Unzulänglichkeit oder sogar die Sorge, emotional nicht mit dem Alleinsein umgehen zu können. In solchen Momenten kann das Laufen, statt eine Quelle der Freiheit zu sein, zu einem Spiegel der eigenen Unsicherheiten werden. Die Einsamkeit verschärft dann die inneren Konflikte, statt sie zu lindern.

Wie oft gehen wir laufen, wenn uns vieles zu viel wird, wir überfordert sind oder der Einsamkeit entkommen möchten?

Die Frage, ob wir uns nicht noch einsamer fühlen, wenn wir unsere Laufschuhe schnüren, liegt im Auge des Betrachters.


Laufen gegen die Einsamkeit: Laufen als Gemeinschaftserlebnis


Etliche Lauf-Communities dieser Welt beweisen eigentlich genau das Gegenteil der Frage, die ich gerade in den Raum geworfen habe: Laufen fördert den Teamgeist, stärkt den Zusammenhalt und führt zu einer unfassbar tollen Gruppendynamik. Gemeinsam statt einsam, könnte ich an dieser Stelle fast schreiben. Gut, habe ich auch.

Laufgruppen, Vereine und Lauf-Wettkämpfe wie Marathons schaffen Plattformen für soziale Interaktionen und fördern ein Gefühl der Zugehörigkeit.


Diese Aktivitäten ermöglichen es uns Läufer:innen, dass wir uns mit Gleichgesinnten verbinden, Erfahrungen austauschen und gemeinsame Ziele verfolgen. Geteiltes Leid ist halbes Leid, geteilte Freude ist doppelte Freude.



Laufen macht wirklich einsam: Die Lonely-Runner-Vermutung


Interessanterweise bin ich auf der Suche nach Studien auf etwas gestoßen, das in der theoretischen Informatik als "Lonely-Runner-Vermutung" bekannt ist.


Ich fasse das Ganze jetzt kurz & knapp, ohne Anspruch auf Vollständigkeit zusammen, weil es mir vielmehr um die Message dahinter, als um die mathematische Gleichung geht.

Dies Vermutung besagt, dass bei der Anzahl n Läufer:innen auf einer Rundbahn, jede:r Läufer:in irgendwann einmal eine Distanz von mindestens 1/n der Strecke von jedem/jeder anderen Läufer:in entfernt ist, vorausgesetzt, dass alle unterschiedliche Geschwindigkeiten haben.

Obwohl diese Vermutung aus einem ganz anderen Kontext stammt, zeigt sie in meinen Augen eine schöne Parallele zum emotionalen Erlebnis des Laufens: Sie spiegelt die Momente wider, in denen wir uns von allen anderen distanziert fühlen, sei es emotional oder physisch – Momente, in denen wir WAHRHAFTIG allein sind.


So. Frage eigentlich beantwortet, oder? ...


Abschließende Laufgedanken: Macht Laufen einsam?


Am Ende quälen mich allerdings noch zwei Gedanken, die ich mit euch teilen möchte:


  1. Ich frage mich, ob diese Form der "positiven Einsamkeit" in einer übermäßig vernetzten Welt, wo der Wert oft auf ständige Erreichbarkeit und soziale Interaktion gelegt wird, immer noch Bestand hat. Können wir noch so richtig einsam sein? Am Ende teilen wir unserer Läufe doch meistens in den sozialen Medien. Und letzten Endes macht uns das wieder zu einem Teil einer großen Community.

  2. Macht Nicht-Laufen noch einsamer als Laufen? Ich für meinen Teil würde behaupten: Ja, in der Tat. Ich bin lieber physisch ebtrachtet ein Teil einer Lauf-Community, die mich einsam fühlen lässt, als gar kein Teil einer Lauf-Community, was mich noch einsamer fühlen lässt. Und dann bin ich am Ende wirklich alleine.


Am Ende ist es wie mit allem im Leben: Die Frage, ob Laufen einsam macht, basiert auf einer subjektiven Wahrnehmung, geprägt von der persönlichen Interpretation, den eigenen Umständen und Erfahrungswerten. Die Kunst liegt darin, die Balance zwischen diesen beiden Extremen zu finden und das Laufen als eine Gelegenheit zu nutzen, um sowohl die Verbindung zu sich selbst als auch zu anderen zu stärken.

Laufen darf einsam machen. Doch am Ende entsteht immer eine Beziehung. Zu uns selbst oder zu anderen.







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