• Nele Doerk

Weniger laufen, mehr genießen: Wie es sich wirklich anfühlt, den Laufumfang zu reduzieren

Wer weniger läuft, lernt die Läufe mehr zu genießen – so liest und hört man öfters. Stimmt das? Ich erzähle euch, wie es sich wirklich anfühlt, den Laufumfang zu reduzieren

Laufumfang reduzieren? Kann gut sein, oder auch schlecht

Never not running – oder doch?


Nein, es steht kein Wettkampf vor der Tür und ich befinde mich auch nicht in der Tapering-Phase – schön wärs. Aber ich befinde mich gerade woanders, eventuell an der Schwelle zu einer ganz neuen Lauferfahrung.


„Ein Tag ohne Laufen? Unvorstellbar.“ Nele, 2018. Beinahe jeden Tag am Laufen.

Heute würde mein eigenes Zitat wohl eher in diese Richtung gehen: „Ein Tag ohne Laufen? Ja ach Gott, das macht doch nichts.“ – Zugegeben, ich habe mich mehr als ein Mal gefragt, was um alles in der Welt mit mir los ist. Habe ich etwa die Lust am Laufen verloren? Die Freude? Die Motivation? Den Ehrgeiz? Und wenn ja – wie bekomme ich all das wieder zurück? Hilfe!

Laufen oder nicht Laufen – das ist hier die Frage

Die Wahrheit ist jedoch logisch wie auch absurd zugleich: Dinge ändern sich einfach. Perspektiven ändern sich. Es stimmt, dass sich Gefühle und Erlebnisse außerhalb des Laufens auch auf den Lauf selbst auswirken. Aber auch das Laufen selbst kann sich auf Gefühle und Erlebnisse auswirken, die nichts mit dem Laufen zutun haben. Und was soll ich sagen – meine Lauferefahrungen oder Lauferlebnisse waren in den letzten Monaten nicht gerade von der schönen Sorte. Finde ich das schlecht? Ich weiß es nicht. Ich habe versucht (ja, versucht), mich mit anderen Dingen zu beschäftigen. Unter anderem habe ich mit Krafttraining angefangen, was natürlich Auswirkungen auf mein Laufverhalten hat. Ich habe meinem Körper außerdem mehr Ruhe gegönnt. Ich bin gelaufen, wenn ich wollte. Nicht, weil ich das Gefühl hatte, ich muss oder sollte jetzt laufen. Vielleicht hat mein Schweinehund auch den einen oder anderen Kampf gewonnen. Doch was soll ich sagen? „Ja ach Gott, das macht doch nichts.“


Es gibt Tage, an denen verfluche ich mich und kitzle die Motivation so lange aus mir heraus, bis ich fertig angezogen und in Laufschuhen vor meiner Wohnungstür stehe.

Weniger zu Laufen fühlt sich falsch an


Wie es sich wirklich anfühlt, den Laufumfang, bewusst oder unbewusst, zu reduzieren? Es fühlt sich falsch an. Merkwürdig. Und irgendwie tut es auch ein kleines bisschen weh. Es gibt Tage, an denen verfluche ich mich und kitzle die Motivation so lange aus mir heraus, bis ich fertig angezogen und in Laufschuhen vor meiner Wohnungstür stehe. Und dann gibt es Tage, an denen es mir egal ist. Dann mache ich ein Home-Workout. Oder ich beschäftige mich mit dem Gefühl, das dieser „nicht-stattgefundene-Lauf“ in mir auslöst. Ein wenig Enttäuschung, ein wenig Unzufriedenheit.

Es gibt jedoch einen Gedanken, der mich nicht nur begleitet, sondern der mich auch zugleich beruhigt: ich bin mir nämlich ziemlich sicher, dass der Wunsch nach vielen Läufen wiederkommen wird. Ich meine, dass der größte Fehler, den man machen kann darin besteht, einen Lauf zu erzwingen. Im Endeffekt wird es zwar immer das gleiche Ergebnis geben: der Lauf hat sich gut angefühlt; einen Lauf zu bereuen, das Gefühl gibt es gar nicht. Aber was passiert vor dem Lauf? Im besten Fall ein Kampf mit dem Schweinehund, im schlimmsten Fall ist es jedoch ein Kampf mit dir selbst. Den Unterschied zu erkennen ist wahrlich keine leichte Aufgabe. Aber man erkennt ihn nur, wenn man beide Optionen in Erwägung zieht.


Laufen verändert die Perspektive – Nicht-Laufen jedoch auch


Ich habe nicht die Lust am Laufen verloren. Ich habe auch nicht den Ehrgeiz oder die Motivation am Laufen verloren. Das dem nicht so ist wird mir bewusst, wenn ich an meinen nächsten Halbmarathon denke – ich habe sowas von Lust, die 21,1 km wieder zu rocken! Ich habe lediglich meine Perspektive geändert. Tage ohne Läufe sind in Ordnung. Tage mit vielen Läufen sind in Ordnung. Was ich 2018 einmal war, muss ich nicht auch 2020 sein. Zugegeben, ich wollte es sein – noch besser und noch fitter und noch stärker. Aber man sagt ja nicht umsonst, dass man nicht zurück, sondern nach vorne blicken solle. Wie viel Wahrheit doch in diesen simplen Aussagen steckt…


Läuft es sich nun leichter?

Mal davon abgesehen, dass das „Weniger Laufen“ keine angenehme Erfahrung war oder ist, so kam es mir doch ganz gelegen: Erkältung die erste, Corona, Krankheit die zweite, Homeoffice, immer noch krank, andere Alltagsroutine, … – In diesen Momenten des Umschwungs habe ich mir nichts sehnlicher gewünscht, als laufen gehen zu können. Endlich hätte ich mich auf den nächsten Halbmarathon vorbereiten können. Endlich hatte ich Zeit, meinen Alltag in mein Training zu integrieren und nicht umgekehrt. Tja, aus alldem wurde … nichts.

Stattdessen gingen viele Laufpausen ins Land, Walking-Sessions standen auf dem Plan und Home-Workouts wurden zu meiner neuen Routine. Und die wenigen Läufe? Die waren langsam. Aber auch wunderschön.

Ich bin in einen ganz neuen Laufgenuss gekommen, der mir nicht immer gut geschmeckt hat. Wo waren meine Bestzeiten? Wo waren meine leichten Beine? Meine Muskulatur? All das war (zumindest bewusst) verschwunden. Aber was soll ich sagen – „Ja ach Gott, das macht doch nichts.“


Weniger laufen, mehr genießen


Aktuell läuft es sich leichter. Gut, das ganze hat mich auch 3,5 Monate voller Tränen und Zweifel gekostet. Aber: es ist eine Erfahrung wert. Den Laufumfang zu reduzieren tut weh. Ich liebe das Laufen. Aber ich liebe nunmal auch mich und meine (mentale) Gesundheit. Manchmal muss ein Part weichen, damit der andere genesen oder sich entwickeln kann. Mein nächstes Ziel? Erneut die 21,1 Kilometer zu laufen, wenn ich dazu bereit bin. Und noch wichtiger: wenn es sich danach anfühlt.


Lese hier: "Ich muss laufen" – warum wir das "Müssen" beim Laufen streichen sollten

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